Daily Lena

 

Lena, der ESC und die Kunst der höheren Heiterkeit

Gepostet von um 17:34 Uhr

by bates
Was an der Debatte um Lenas Titelverteidigung und die Songauswahl-Shows am meisten befremdet, ist ihre unglaubliche Humorlosigkeit. Wenn die Aktion unüberlegt war, dann auch deshalb, weil wohl weder Lena noch Stefan Raab derart verbissene Reaktionen auf der Rechnung hatten – selbst unter ihren Landsleuten nicht. Den „Titel verteidigen“, ausgerechnet beim ESC? Eine Mission Impossible, anmaßend, durchgeknallt, wahnsinnig, ja größenwahnsinnig? Na sicher doch. Das ist ja gerade das Lustige daran.

Anstatt den ESC als das zu begreifen, was er ist – eine riesige, knallbunte Party mit beachtlichem Trash-Appeal und gelegentlich auch mal guter Musik, eine reine Unterhaltungsshow, bei der es doch letztlich ziemlich wurst ist, wer da nun gewinnt oder verliert –, wird diese Veranstaltung ernsthaft in den Rang einer Staatsangelegenheit gehievt. Es ist nicht nur ein Thema, bei dem jeder mitreden will, sondern bei dem viele so tun, als stünde Wohl und Weh eines ganzes Landes auf dem Spiel. Von einer „nationalen Aufgabe“ hat Raab letztes Jahr grinsend gesprochen – ist es zu fassen, dass es erwachsene Menschen gibt, die das ernst nehmen?

Anstatt herzhaft über die herrliche Chuzpe zu lachen, den ESC-Vorentscheid (Vorsicht! Heiligtum!) mal eben zu einer Album-Promo-Show umzufunktionieren und das Ganze dann auch noch „Unser Song für Deutschland“ zu nennen, ja, statt diesen Geniestreich kapitalistischer Konzeptkunst als solchen überhaupt zu erkennen (bei dem man, nebenbei bemerkt, auch noch ziemlich viel gute Musik geboten bekam und Zeuge der Förderung und Weiterentwicklung einer jungen Künstlerin werden konnte), ist man außer sich vor Empörung. Man sei nicht gefragt worden, ob man Lena noch mal haben möchte, man wolle bitteschön „mitbestimmen“, wer am ESC teilnehme, das habe ja wohl nicht der Herr Raab alleine zu entscheiden – wahrlich, das Demokratiebedürfnis der „Wutbürger“ (Wort des Jahres 2010) bricht sich an den kuriosesten Orten Bahn. Angeblich werde anderen jungen Talenten so die Chance auf eine Karriere verbaut. Da ist was dran: Der ESC hat sich ja in den letzten 50 Jahren als Talenteschmiede par excellence erwiesen, die Zahl der ihm entsprungenen Weltkarrieren geht in die Tausende.

Und anstatt schließlich Augen und Ohren zu öffnen und Lena als die begnadete Song-Interpretin und das exorbitante Showtalent zu entdecken, das sie ist – seit Dekaden wurde hierzulande nichts auch nur annähernd Vergleichbares entdeckt – , zerrt man einen Gesangsexperten nach dem anderen vors Mikrofon, um zu beweisen, dass das Mädchen in Wirklichkeit „gar nicht singen“ könne und schon deshalb nicht die richtige sei. Schwere Geschütze werden aufgefahren: Hat keine Gesangsausbildung! Kann nicht mal Noten lesen! Die Erkenntnis, die man aus diesem Gewese ziehen kann: Über 50 Jahre Popgeschichte mit ihren Legionen genialischer Dilettanten, die nie im Leben ein Notenblatt angefasst haben, sind an einem Großteil der Mitbürger spurlos vorübergegangen.

Waren die Pressereaktionen auf USFD schon verbissen genug, so kennt die Wut der Wutbürger in den entsprechenden Kommentarspalten im Internet kein Halten mehr. Heerscharen von Leuten stampfen mit dem Fuß auf, dass die Erde bebt: „Wir wollen mitentscheiden!“ „Unsere GEZ-Gebühren!“ „Die soll lieber mal was Ordentliches lernen!“ „Armes Deutschland!“ usw. Hier sprechen Menschen, die im Daseinsmodus leben, sich immer und überall von allen belogen und betrogen zu wähnen – von „den Politikern“, von „den Medien“, von Schmarotzern jeder Couleur, und jetzt auch noch von dem Metzgersohn und der Göre aus Hannover. – „Es ist nicht das Leben. Es ist nur Unterhaltung.“ Wiederholt haben die diabolischen Zwei das noch direkt nach dem Sieg in Oslo gesagt. Bei vielen ihrer Landsleute, die sich seit der WM 2006 selbst so gern als „locker“ und „unverkrampft“ feiern, ist diese simple Botschaft nie angekommen.

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Der Autor dieser Zeilen will nicht falsch verstanden werden: Er war selbst nie ein großer Fan der Titelverteidigung und wird es nie werden. Und zwar aus dem einen und einzigen Grund, dass Lena im Grunde viel zu schade für den ESC ist. Lena als Künstlerin und Musikerin gebührt ein Platz jenseits der Wahrnehmungssphäre von Ralph Siegel. Da hat sich etwas ganz Kostbares letztes Jahr auf eine Jahrmarktsveranstaltung verirrt – und möchte sich offenbar noch ein zweites Mal dorthin verirren. Aber dass Lena das eben offensichtlich möchte, hat der Autor, wenn auch zunächst schweren Herzens, akzeptiert.

Und was ihn dann eben doch leichtherzig macht ist, dass er eines begriffen hat: Lenas immer wiederholte Aussage, es sei ihr nicht so wichtig zu gewinnen („An Kampf zu denken liegt mir nicht“), und ihre Bereitschaft zu einer „Titelverteidigung“ (bei der es doch wohl um „Kampf“ und „Gewinnen“ geht?) sind eben kein Widerspruch. Sondern Ausdruck jener höheren Heiterkeit, jenem göttlichen Unernst gegenüber dem Unernsten, der sie immer zugleich weise und im besten Sinne kindlich erscheinen lässt und der der einzig angemessene Umgang mit einer Veranstaltung wie dem ESC ist – es ist so schade, dass das so wenig Leute begreifen. Und er hegt tiefste Zuversicht, dass ihm Lena als Künstlerin so oder so erhalten bleiben wird: ob als internationaler Superstar oder als Nischenmusikerin für ein Nischenpublikum, ist völlig nachrangig. Er teilt diese Begeisterung mit gar nicht so wenig Menschen, die sehen, wen sie da vor sich haben, die sich an Lena erfreuen, sich von ihrer höheren Heiterkeit anstecken lassen und mit ihr und auch mal über sie lachen können. Und die sich über die Verbissenheit und Wut, die andere Leute ausgerechnet dieser Frau und ihrem Tun gegenüber an den Tag legen, nur wundern können. Was auch immer in Düsseldorf passiert: Wir wissen, was wir an ihr haben.

Keep on rockin’, girl. We’re gonna love you either way.